Lagerumschlag und Lagerreichweite: Was die Summe über den einzelnen Artikel verschweigt
ProzessanalyseKennzahlen

Lagerumschlag und Lagerreichweite: Was die Summe über den einzelnen Artikel verschweigt

T. Krause

T. Krause

Was die beiden Kennzahlen angeben

Der Lagerumschlag sagt, wie oft sich ein Bestand in einem Zeitraum erneuert. Die Lagerreichweite sagt, wie viele Tage derselbe Bestand beim bisherigen Verbrauch hält. Beide rechnen mit denselben zwei Größen, dem Verbrauch und dem Bestand. Wer die eine Zahl hat, hat auch die andere.

Lagerumschlag = Verbrauch im Zeitraum ÷ durchschnittlicher Bestand

U = V ÷ B

Lagerreichweite = durchschnittlicher Bestand ÷ durchschnittlicher Verbrauch pro Tag

R = B ÷ (V ÷ T) = T ÷ U

V ist der Verbrauch im Zeitraum, B der durchschnittliche Bestand und T die Zahl der Tage im Zeitraum. Verbrauch und Bestand müssen gleich bewertet sein, beide in Stück oder beide in Euro zum selben Preis.

Der Lagerumschlag heißt auch Lagerumschlagshäufigkeit oder kurz Umschlagshäufigkeit. Im Handel steht im Zähler der Wareneinsatz, in der Fertigung der Verbrauch oder Lagerabgang. Für die Reichweite ist auch der Name durchschnittliche Lagerdauer üblich. Mit dem Durchschnittsbestand gerechnet ist das dieselbe Zahl.

Vier Stellen, an denen Betriebe verschieden rechnen

Die Formel lässt vier Dinge offen. Keine der Antworten ist falsch, aber jede ändert die Zahl.

Menge oder Wert. Für einen einzelnen Artikel können Sie in Stück rechnen. Über mehrere Artikel geht nur der Wert, denn Dichtungen und Gehäuse lassen sich nicht zu einer Stückzahl addieren.

Durchschnitt oder Stichtag. Der Durchschnittsbestand beschreibt das ganze Jahr. Am einfachsten ist Anfangsbestand plus Endbestand, geteilt durch zwei. Genauer ist die Summe aus Anfangsbestand und zwölf Monatsendbeständen, geteilt durch dreizehn. Mit dem Bestand eines Stichtags beantworten Sie eine andere Frage. Sie erfahren, wie lange reicht, was heute im Regal liegt.

360 oder 365 Tage. Die kaufmännische Rechnung nimmt 360 Tage, der Kalender 365. Manche Betriebe rechnen mit ihren Arbeitstagen.

Einstandspreis oder Verkaufspreis. Üblich ist der Einstandspreis für beide Größen. Wer beide zum Verkaufspreis bewertet, kommt bei gleichem Aufschlag auf dieselbe Zahl. Sinnlos wird die Kennzahl, wenn der Zähler zum Verkaufspreis und der Nenner zum Einstandspreis bewertet ist. Dazu mehr bei Fehler 2.

Dieser Beitrag rechnet mit Werten zum Einstandspreis, mit dem Durchschnitt aus Anfangs- und Endbestand und mit 365 Tagen. Schreiben Sie Ihre Regel neben die Zahl. Zwei Lagerumschläge lassen sich nur vergleichen, wenn sie nach derselben Regel gerechnet sind.

Das Beispiel: sechs Artikel aus einem Ersatzteillager

Betrieb, Artikel und Zahlen sind für dieses Beispiel erfunden. Sie sind so gewählt, dass Sie jeden Schritt mit dem Taschenrechner nachrechnen können.

Ein Pumpenhersteller führt ein Ersatzteillager. Die Liste zeigt sechs Artikel daraus über ein Geschäftsjahr mit 365 Tagen, mit dem Bestand am ersten und am letzten Tag und dem Verbrauch des Jahres. Der Einstandspreis je Stück bleibt im Jahr gleich.

ArtikelEinstandspreisVerbrauch im Jahr in StückAnfangsbestand in StückEndbestand in Stück
Gleitringdichtung18,00 €6.000450550
Dichtungssatz6,00 €9.0001.4001.600
Elektromotor 0,75 kW85,00 €1.200180120
Laufrad38,00 €1.200500300
Steuerplatine120,00 €600310290
Gehäuse, alte Baureihe140,00 €40220180

Wo eine Rechnung nicht aufgeht, steht das Ergebnis gerundet da.

Schritt 1: Durchschnittsbestand

Durchschnittsbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) ÷ 2

Für die Gleitringdichtung sind das (450 Stück + 550 Stück) ÷ 2 = 500 Stück.

Schritt 2: Lagerumschlag je Artikel

Lagerumschlag = Verbrauch ÷ Durchschnittsbestand

6.000 Stück ÷ 500 Stück = 12

Der Bestand an Gleitringdichtungen hat sich im Jahr zwölfmal erneuert. Weil der Einstandspreis gleich bleibt, kommt in Euro dasselbe heraus: 108.000 € ÷ 9.000 € = 12.

Schritt 3: Lagerreichweite je Artikel

Verbrauch pro Tag = 6.000 Stück ÷ 365 Tage = 16,44 Stück

Lagerreichweite = 500 Stück ÷ 16,44 Stück pro Tag = 30,4 Tage

Kürzer geht es über den Umschlag, denn 365 Tage ÷ 12 sind ebenfalls 30,4 Tage. Eine Dichtung liegt etwa einen Monat im Regal.

Dieselbe Rechnung für alle sechs Artikel:

ArtikelDurchschnittsbestand in StückWert des BestandsVerbrauch zum EinstandspreisLagerumschlagLagerreichweite in Tagen
Gleitringdichtung5009.000 €108.000 €12,030,4
Dichtungssatz1.5009.000 €54.000 €6,060,8
Elektromotor 0,75 kW15012.750 €102.000 €8,045,6
Laufrad40015.200 €45.600 €3,0121,7
Steuerplatine30036.000 €72.000 €2,0182,5
Gehäuse, alte Baureihe20028.000 €5.600 €0,21.825
Ganze Liste109.950 €387.200 €3,52103,6

Schritt 4: Die ganze Liste

Für die Liste zählen Sie Werte zusammen und teilen erst dann.

Lagerumschlag = 387.200 € ÷ 109.950 € = 3,5216, gerundet 3,52

Verbrauch pro Tag = 387.200 € ÷ 365 Tage = 1.060,82 €

Lagerreichweite = 109.950 € ÷ 1.060,82 € pro Tag = 103,6 Tage

Der Umschlag der Liste ist nicht der Mittelwert der sechs Umschläge. Der läge bei 31,2 ÷ 6 = 5,2. Die Liste gewichtet jeden Artikel mit dem Wert, der in ihm gebunden ist, und der meiste Wert steckt in den langsamen Artikeln.

Die Gegenprobe

365 Tage ÷ 3,5216 = 103,6 Tage

Beide Wege müssen bei derselben Reichweite ankommen. Mit dem gerundeten Umschlag von 3,52 kämen 103,7 Tage heraus, deshalb stehen in dieser Zeile vier Nachkommastellen.

Die Reichweite ist eine Liegezeit, nur eben im Lager. Was Liegezeit zwischen den Stationen aus einem Fertigungsauftrag macht, rechnet der Beitrag Durchlaufzeit berechnen an sechs Stationen durch.

Dieselbe Liste, anders gerechnet

Zuerst der Endbestand an der Stelle des Durchschnitts:

ArtikelUmschlag mit DurchschnittsbestandUmschlag mit Endbestand
Gleitringdichtung12,010,9
Dichtungssatz6,05,6
Elektromotor 0,75 kW8,010,0
Laufrad3,04,0
Steuerplatine2,02,1
Gehäuse, alte Baureihe0,20,2
Ganze Liste3,523,83

Der Endbestand der Liste ist 101.100 € wert. Damit sind es 387.200 € ÷ 101.100 € = 3,83 Umschläge und 95,3 Tage Reichweite.

Mit 360 Tagen ändert sich der Umschlag nicht, nur die Reichweite. Aus 103,6 Tagen werden 360 Tage ÷ 3,5216 = 102,2 Tage.

In Stück gerechnet kommt für die Liste eine dritte Zahl heraus. 18.040 verbrauchte Stück ÷ 3.050 Stück Durchschnittsbestand sind 5,91. Diese Rechnung zählt einen Dichtungssatz für 6 € wie ein Gehäuse für 140 €. Für die Frage, wo das Geld liegt, ist sie unbrauchbar.

Fünf Zählfehler bei Lagerumschlag und Lagerreichweite

Bei jedem Fehler stehen die falsche und die richtige Zahl aus dem Beispiel.

1. Den Endbestand für den Durchschnitt nehmen

Am Jahresanfang lagen 500 Laufräder im Regal, am Jahresende 300. Wer den Verbrauch durch den Endbestand teilt, rechnet 1.200 Stück ÷ 300 Stück = 4,0. Mit dem Durchschnitt von 400 Stück sind es 3,0. Die Reichweite schrumpft auf dem Papier von 121,7 auf 91,3 Tage.

Für die Liste gilt dasselbe. Der Anfangsbestand ist 118.800 € wert, der Endbestand 101.100 €. Mit dem Endbestand kommt 3,83 heraus statt 3,52. Der Bestand ist im Lauf des Jahres um 17.700 € gesunken, und diese Rechnung tut so, als hätten die 17.700 € seit Januar gefehlt.

Der Endbestand ist die passende Zahl, wenn Sie wissen wollen, wie lange der heutige Bestand reicht. Als Umschlag eines Jahres taugt er nur, wenn der Stichtag ein gewöhnlicher Tag war. Baut ein Betrieb vor dem Bilanzstichtag Bestand ab, ist dieser Tag kein gewöhnlicher.

2. Umsatz durch Bestand zum Einstandspreis teilen

Angenommen, der Betrieb verkauft die Ersatzteile mit 50 % Aufschlag auf den Einstandspreis. Aus 387.200 € Verbrauch werden 580.800 € Umsatz. Teilt jemand diesen Umsatz durch den Bestand von 109.950 €, kommt 5,28 heraus. Richtig sind 3,52.

Die Reichweite fällt in dieser Rechnung von 103,6 auf 69,1 Tage. Im Lager hat sich dabei nichts bewegt. Die Zahl ist genau um den Aufschlag zu hoch, denn 5,28 ÷ 3,52 = 1,5. Erhöht der Vertrieb die Preise um 10 %, steigt sie auf 5,81, und kein Teil verlässt deshalb schneller das Regal.

Bewerten Sie Zähler und Nenner gleich. Mit dem Einstandspreis ist das am einfachsten, weil die Bestandsliste schon so bewertet ist.

3. Mit dem Wert der ganzen Liste zufrieden sein

3,52 Umschläge und 103,6 Tage klingen nach einem Lager, in dem jedes Teil gut drei Monate liegt. Kein Artikel der Liste hat diese Reichweite. Die Gleitringdichtung liegt 30,4 Tage, das Gehäuse der alten Baureihe 1.825 Tage. Das sind fünf Jahre.

Das Gehäuse bindet 28.000 € und damit 25,5 % des Bestandswerts. Am Verbrauch hat es einen Anteil von 1,4 %. Ohne das Gehäuse kämen die übrigen fünf Artikel auf 381.600 € ÷ 81.950 € = 4,66 Umschläge.

Rechnen Sie den Umschlag je Artikel und sortieren Sie die Liste nach der Reichweite. Der Wert der ganzen Liste sagt, wie viel Geld im Verhältnis zum Verbrauch im Lager liegt. In welchen Artikeln es liegt, sagt er nicht. Nach dem Verbrauchswert statt nach der Reichweite sortiert die ABC-Analyse dieselbe Liste, um neun Artikel erweitert.

4. Mit Bestand rechnen, der nicht im Regal liegt

Das System führt am Jahresende 120 Elektromotoren. Bei 1.200 Stück im Jahr gehen 3,29 Stück pro Tag ab, der Bestand reicht also 36,5 Tage. Angenommen, der Lieferant braucht 35 Tage. Wer heute bestellt, bekommt die Lieferung anderthalb Tage, bevor der letzte Motor das Lager verlässt.

Angenommen, eine Zählung findet nur 96 Motoren. 24 fehlen, weil Entnahmen für Reparaturen nie gebucht wurden. Dann reicht der Bestand 96 Stück ÷ 3,29 Stück pro Tag = 29,2 Tage. Das Lager steht 5,8 Tage ohne Motor da, bevor die Lieferung kommt.

Die Formel war in beiden Fällen dieselbe, falsch war der Bestand. Warum Buchbestand und Regal auseinanderlaufen und was eine tägliche Stichprobe daran ändert, steht im Beitrag über Inventurdifferenzen.

5. Sicherheitsbestand für toten Bestand halten

Die Steuerplatine dreht sich zweimal im Jahr und reicht 182,5 Tage. Neben der Gleitringdichtung sieht das nach einem halben Jahr totem Kapital aus.

Angenommen, der Lieferant der Platine braucht 20 Wochen. Der Betrieb hat deshalb entschieden, 150 Platinen als Sicherheitsbestand zu halten und zweimal im Jahr 300 Stück zu bestellen. Dann liegt der Bestand im Schnitt bei 150 Stück + 300 Stück ÷ 2 = 300 Stück, wie in der Liste. Von den 182,5 Tagen sind 91,25 Tage Sicherheitsbestand. Das sind 18.000 € von 36.000 €. Ab welchem Bestand die Platine nachbestellt werden muss, rechnet der Beitrag Meldebestand berechnen an derselben Liste durch. Ob 300 Stück je Bestellung die günstigste Menge sind, rechnet der Beitrag Optimale Bestellmenge berechnen nach.

Ob 150 Stück die richtige Menge sind, ist eine eigene Frage. Wer den Sicherheitsbestand streicht, kommt auf 600 Stück ÷ 150 Stück = 4 Umschläge und hat bei der ersten verspäteten Lieferung keine Platine mehr. Die 150 Stück sind eine Entscheidung mit einem Grund, und die Kennzahl kennt den Grund nicht. Beim Gehäuse der alten Baureihe stehen 1.825 Tage, und niemand hat sie beschlossen.

Dasselbe gilt für Bestand, den ein Betrieb vor einer Saison aufbaut. Am Stichtag vor der Saison sieht er aus wie ein Ladenhüter. Schreiben Sie zu jedem Artikel mit langer Reichweite dazu, ob jemand diesen Bestand so wollte.

Warum hier kein Richtwert steht

Einen guten Lagerumschlag, der für jedes Lager gilt, gibt es nicht. Die Liste zeigt das im Kleinen. Schon in diesem einen Lager dreht sich der schnellste Artikel 60-mal so oft wie der langsamste. Ein Durchschnitt aus einer anderen Branche sagt über Ihr Lager deshalb wenig.

Vergleichen Sie Ihren Umschlag mit dem eigenen Vorjahr, nach derselben Regel gerechnet. Und vergleichen Sie die Reichweite jedes Artikels mit der Zeit, die sein Lieferant für Nachschub braucht.

Der nächste Schritt

Nehmen Sie zwanzig Artikel aus Ihrer Bestandsliste, die zehn mit dem höchsten Bestandswert und zehn zufällige. Schreiben Sie Anfangsbestand, Endbestand, Jahresverbrauch und Einstandspreis nebeneinander und rechnen Sie Umschlag und Reichweite je Artikel. Sortieren Sie nach der Reichweite und notieren Sie bei den fünf längsten, wer diesen Bestand entschieden hat. Dafür reicht eine Tabellenkalkulation.

Wenn Sie wissen wollen, warum Bestand liegen bleibt und an welcher Stelle im Ablauf die Entscheidung dafür fällt, ist das der Umfang unserer Prozessanalyse. Fester Umfang, feste Dauer, fester Preis.

Cookie-Einstellungen

Wir nutzen technisch notwendige Cookies, um diese Seite bereitzustellen. Optional helfen anonymisierte Analyse-Cookies (Google Analytics) dabei, die Seite zu verbessern — diese setzen wir nur mit Ihrer Einwilligung.

Mehr in der Datenschutzerklärung