Die Inventur ist keine Bestandskorrektur — sie ist eine Fehlerquittung
T. Krause
Das Symptom
Die Inventur läuft in vielen Betrieben nach einem festen Ritual. Ein Wochenende, zusätzliche Leute, Zähllisten, Differenzen, Nachzählungen, am Ende eine Buchung. Die Differenz wird zur Kenntnis genommen, meist mit einem Satz wie „ist im Rahmen" oder „war schon mal schlechter".
Anschließend gilt der Bestand als korrekt — für ungefähr eine Woche. Danach beginnt derselbe Prozess von vorn, der die Differenz überhaupt erzeugt hat.
Was dabei niemand ausrechnet: Die Inventurdifferenz ist keine Momentaufnahme. Sie ist die aufsummierte Ungenauigkeit eines ganzen Jahres, und der Betrieb hat dieses Jahr über auf Basis genau dieser falschen Zahlen disponiert, eingekauft und Termine zugesagt.
Der Mechanismus
Bestandsdifferenzen entstehen fast nie durch Diebstahl, obwohl das die erste Vermutung ist. Sie entstehen an drei völlig unspektakulären Stellen.
Entnahmen ohne Buchung. Ein Monteur nimmt zwei Dichtungen aus dem Regal, weil er sie jetzt braucht. Die Buchung passiert später oder nie. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine rationale Reaktion auf einen Buchungsvorgang, der länger dauert als die Entnahme selbst.
Buchungen ohne Entnahme. Der Fertigungsauftrag bucht die geplante Menge laut Stückliste ab, nicht die tatsächlich verbrauchte. Bei Verschnitt, Ausschuss oder Rückgabe entsteht sofort eine Abweichung, die niemand bemerkt, weil sie systemisch korrekt aussieht.
Falsche Lagerorte. Das Material ist da, nur nicht dort, wo das System es vermutet. Für die Disposition ist das identisch mit „nicht vorhanden" — mit dem Unterschied, dass es beim Zählen wieder auftaucht und die Differenz an anderer Stelle ausgleicht. Zwei Fehler, die sich in der Jahressumme aufheben und im Tagesgeschäft beide voll wirken.
Die entscheidende Eigenschaft aller drei: Sie erzeugen keinen Alarm. Ein falscher Bestand meldet sich nicht. Er wird erst dann sichtbar, wenn jemand vor einem leeren Regal steht, das laut System voll ist — und dann ist es ein akutes Problem, kein Datenproblem.
Die Kosten
Ein anonymisiertes Beispiel, in Details verändert, im Muster echt. Ein Großhändler mit rund 6.000 Lagerartikeln wies eine Inventurdifferenz von etwa 0,9 Prozent des Bestandswerts aus. Das galt intern als gut.
Interessant wurde es bei einer anderen Auswertung. Statt den Wert der Differenz zu betrachten, wurde die Trefferquote je Artikel gemessen: Bei wie vielen Artikeln stimmte der gezählte Bestand exakt mit dem gebuchten überein? Ergebnis: bei 71 Prozent. Bei knapp drei von zehn Artikeln war der Systembestand also falsch — nur eben in beide Richtungen, sodass sich der Wert weitgehend ausglich.
Die Folgekosten lagen genau dort, wo der Betrieb sie nicht vermutet hatte. In zwölf Monaten wurden 340 Eilbestellungen ausgelöst, überwiegend für Artikel, die laut System verfügbar waren. Mittlere Mehrkosten je Eilbestellung: 62 Euro Fracht plus interner Aufwand. Dazu 84 Lieferverzögerungen an Kunden, deren Ursache auf Bestandsdifferenzen zurückführbar war.
Zusammen rund 31.000 Euro direkt zurechenbar — bei einer Inventurdifferenz, die wertmäßig unter 20.000 Euro lag. Die Differenz war also der kleinere Teil des Schadens.
Der Fix
Die Jahresinventur wurde nicht abgeschafft, aber sie wurde als Kontrollinstrument entlastet.
Eingeführt wurde eine permanente Stichprobenzählung: Jeden Tag zählt eine Person zwanzig Artikel, ausgewählt nach Umschlagshäufigkeit und Wert. Das dauert etwa 40 Minuten und deckt die A-Artikel mehrfach im Jahr ab. Entscheidend ist nicht die Korrektur, sondern dass jede Abweichung sofort nach ihrer Ursache gefragt wird, solange die noch rekonstruierbar ist. Bei einer Jahresinventur ist sie das nie.
Zweitens wurde die Entnahmebuchung schneller gemacht als die Entnahme selbst. Scanner am Regal, ein Schritt, keine Anmeldung. Solange Buchen länger dauert als Nehmen, wird nicht gebucht — das ist keine Frage der Disziplin.
Drittens wurden Rückgaben aus der Fertigung mit einem eigenen, sehr einfachen Weg versehen. Vorher landeten sie erfahrungsgemäß „erst mal" in einem Zwischenregal.
Nach neun Monaten lag die Trefferquote bei 94 Prozent, die Eilbestellungen waren um gut die Hälfte zurückgegangen. Die Jahresinventur selbst dauerte kürzer, weil weniger nachgezählt werden musste.
Der Punkt ist die Kennzahl: Nicht der Wert der Differenz zählt, sondern die Trefferquote je Artikel. Wertdifferenzen gleichen sich aus, Artikelfehler nicht. Genau solche Messgrößen legt eine Prozessanalyse offen. Fester Umfang, feste Dauer, fester Preis.
Der nächste Schritt
Zählen Sie morgen zwanzig zufällige A-Artikel und vergleichen Sie mit dem Systembestand. Nicht den Wert — die Anzahl der Treffer. Diese eine Zahl sagt Ihnen mehr über Ihr Lager als die letzte Inventur.
