Liefertreue berechnen: Termintreue, Mengentreue und OTIF an 18 Auftragspositionen
ProzessanalyseKennzahlen

Liefertreue berechnen: Termintreue, Mengentreue und OTIF an 18 Auftragspositionen

T. Krause

T. Krause

Was die Liefertreue beantwortet

Die Frage ist einfach. Kommt beim Kunden an, was Sie ihm zugesagt haben? Die Liefertreue beantwortet sie mit einer Zahl, dem Anteil der Auftragspositionen, die zum bestätigten Termin geliefert wurden.

Schwierig wird es bei den Details. Zählen Sie Positionen oder Aufträge? Gilt eine Lieferung einen Tag zu früh als pünktlich? Was ist mit einer Position, die rechtzeitig kam, aber mit 160 statt 200 Stück? Und welcher Termin ist gemeint, der Wunsch des Kunden oder Ihre Bestätigung? Je nach Antwort liegt dieselbe Liste aus einem Monat bei 83 % oder bei 29 %. Beide Zahlen sind richtig gerechnet. Sie messen nur Verschiedenes.

Legen Sie die Regeln deshalb fest, bevor Sie die erste Zahl berichten, und ändern Sie sie danach nicht mehr.

Liefertreue berechnen: die Formeln

Liefertreue = Positionen, pünktlich geliefert ÷ alle fälligen Positionen × 100

In vielen Betrieben ist mit Liefertreue nur der Termin gemeint. Genauer heißt diese Zahl Liefertermintreue oder kurz Termintreue. Pünktlich ist in diesem Beitrag eine Position, die spätestens am bestätigten Tag beim Kunden ist. Eine frühere Lieferung zählt hier als pünktlich. Manche Betriebe legen für zu frühe Lieferungen eine eigene Grenze fest. Das geht, wenn die Regel aufgeschrieben ist.

Die Menge prüft eine zweite Zahl:

Liefermengentreue = Positionen, vollständig geliefert ÷ alle fälligen Positionen × 100

Vollständig heißt hier, dass mit der Lieferung die ganze bestellte Menge kam. Kommt der Rest später, war die Position nicht vollständig, auch wenn die Nachlieferung pünktlich ist.

Erst beide Prüfungen zusammen zeigen, ob der Kunde bekommen hat, was er bestellt hat. Im Englischen heißt diese Zahl OTIF, on time in full:

OTIF = Positionen, pünktlich und vollständig ÷ alle fälligen Positionen × 100

Bleibt der Termin. Gegen welchen messen Sie? Der Wunschtermin ist das Datum, das der Kunde in seine Bestellung schreibt. Der bestätigte Termin ist das Datum aus Ihrer Auftragsbestätigung. Die Liefertreue zum Wunschtermin zeigt, wie gut Sie den Bedarf des Kunden treffen. Die Liefertreue zum bestätigten Termin zeigt, ob Sie Ihre eigenen Zusagen halten. Die zweite liegt meist höher, weil die Bestätigung oft schon einen späteren Tag nennt. Rechnen Sie beide, und schreiben Sie dazu, welche Sie meinen.

Das Beispiel: ein Liefermonat mit 18 Positionen

Das Beispiel ist erfunden, mitsamt Betrieb und Kunden. Es ist kein Kundenfall und zeigt nur, wie die Rechnung geht.

Ein Hersteller von Hydraulikventilen liefert im September 2026 sieben Aufträge an Maschinenbauer aus, zusammen 18 Positionen. Für jede Position stehen in der Liste Wunschtermin, bestätigter Termin und der Tag, an dem die Ware beim Kunden war, dazu bestellte und gelieferte Menge. Die gelieferte Menge ist die aus dieser einen Lieferung. Was später nachkam, steht nicht in der Liste.

Pos.AuftragWunschterminbestätigtLiefertagbestelltgeliefert
1261101.09.03.09.03.09.4040
2261101.09.03.09.03.09.2020
3261202.09.02.09.02.09.100100
4261202.09.02.09.04.09.5050
5261304.09.08.09.08.09.1010
6261304.09.08.09.08.09.200160
7261304.09.08.09.08.09.3030
8261409.09.09.09.09.09.2525
9261409.09.09.09.09.09.6060
10261511.09.15.09.17.09.500500
11261511.09.15.09.15.09.1212
12261616.09.16.09.16.09.8080
13261616.09.18.09.18.09.1515
14261616.09.18.09.18.09.4032
15261722.09.22.09.21.09.7070
16261722.09.22.09.22.09.88
17261722.09.24.09.29.09.120120
18261722.09.22.09.22.09.3535

Termintreue. Drei Positionen kamen nach dem bestätigten Tag: Position 4 zwei Tage zu spät, Position 10 ebenfalls zwei Tage und Position 17 fünf Tage. Position 15 war einen Tag früher da und zählt nach der Regel oben als pünktlich. Das ergibt 15 von 18 Positionen, eine Termintreue von 83,3 %.

Mengentreue. Zwei Positionen kamen mit zu wenig Ware, Position 6 mit 160 von 200 Stück und Position 14 mit 32 von 40. Vollständig waren 16 von 18 Positionen, also 88,9 %.

OTIF. Pünktlich und vollständig zugleich waren 13 Positionen. Die drei verspäteten und die zwei unvollständigen überschneiden sich nicht, deshalb fallen fünf heraus. 13 von 18 sind 72,2 %.

Gegen den Wunschtermin. Bei zehn Positionen hat der Betrieb einen späteren Tag bestätigt, als der Kunde wollte. Am Wunschtermin oder davor kamen nur die Positionen 3, 8, 9, 12, 15, 16 und 18 an. Das sind 7 von 18, eine Liefertreue zum Wunschtermin von 38,9 %. Alle sieben waren auch vollständig, die OTIF zum Wunschtermin liegt also ebenfalls bei 38,9 %.

Für denselben Monat stehen damit 83,3 % und 38,9 % nebeneinander. Die erste Zahl sagt, dass der Betrieb seine Zusagen meistens hält. Die zweite sagt, dass er bei mehr als der Hälfte der Positionen schon beim Zusagen später liegt, als der Kunde es braucht. Woher dieser Abstand kommt, klärt die Durchlaufzeit. Wie Sie die messen, steht im Beitrag Durchlaufzeit berechnen.

Liefertreue in der Tabellenkalkulation

Ein Blatt mit einer Position je Zeile genügt, von Zeile 2 bis Zeile 19. In Spalte C steht der Wunschtermin, in D der bestätigte Termin, in E der Liefertag, in F die bestellte und in G die gelieferte Menge. Die Formeln stehen für Zeile 2. Kopieren Sie jede nach unten.

  1. Spalte H prüft den Termin: =WENN(E2<=D2;1;0)
  2. Spalte I prüft die Menge: =WENN(G2>=F2;1;0)
  3. Spalte J ist OTIF: =H2*I2
  4. Spalte K prüft den Wunschtermin: =WENN(E2<=C2;1;0)
  5. Die Kennzahlen stehen unter der Tabelle: =MITTELWERT(H2:H19) für die Termintreue, als Prozent formatiert, und dieselbe Formel für die Spalten I, J und K.

Eine Falle gibt es dabei. Ist eine fällige Position noch gar nicht geliefert, bleibt E leer. Die Tabellenkalkulation rechnet eine leere Zelle als 0, und 0 ist kleiner als jedes Datum. Die offene Position zählt dann als pünktlich. Schreiben Sie in Spalte H deshalb =WENN(E2="";0;WENN(E2<=D2;1;0)).

Fünf Zählfehler bei der Liefertreue

Bei jedem Fehler stehen Zahlen aus der Liste mit 18 Positionen.

1. Nur den Termin prüfen

Wer nur auf das Datum schaut, berichtet 83,3 %. Die Positionen 6 und 14 kamen pünktlich, aber unvollständig. Der Kunde bei Position 6 hat 40 Ventile weniger, als er für den 8. September eingeplant hat. Für ihn war die Lieferung nicht in Ordnung. Mit der Menge sind es 72,2 %.

2. Stück statt Positionen zählen

Manche Auswertungen teilen die pünktlich gelieferten Stück durch die bestellten Stück. In der Liste sind 1.415 Stück bestellt. Pünktlich kamen 697 davon, das sind 49,3 %. Nach Positionen sind es 83,3 %.

Der Unterschied kommt zum größten Teil aus Position 10. Ihre 500 Stück sind 35,3 % aller bestellten Stück, und sie kamen zwei Tage zu spät. Eine einzige große Position bestimmt so die Zahl des Monats. Wenn Sie Stück zählen wollen, berichten Sie es als eigene Zahl und nicht im Wechsel mit der Zählung nach Positionen.

3. Den bestätigten Termin überschreiben

In vielen ERP-Systemen trägt jemand einen neuen Termin ein, sobald klar ist, dass der alte nicht hält. Misst die Auswertung danach gegen das Feld im System, ist der alte Termin weg. Bei den Positionen 4, 10 und 17 stünde dann der Liefertag als Bestätigung. Die Termintreue stiege auf 100 %, die OTIF von 72,2 % auf 88,9 %. Geliefert wurde genau dasselbe.

Messen Sie gegen den ersten bestätigten Termin. Wenn Ihr System ihn überschreibt, speichern Sie ihn in einem eigenen Feld, bevor jemand ihn ändern kann.

4. Aufträge und Positionen mischen

Ein Auftrag gilt nur als pünktlich und vollständig, wenn alle seine Positionen es sind. Von den sieben Aufträgen der Liste schaffen das nur 2611 und 2614. Die OTIF nach Aufträgen liegt bei 28,6 %, nach Positionen bei 72,2 %.

Für den Kunden ist die Zahl nach Aufträgen oft die ehrlichere, denn er kann eine Maschine erst bauen, wenn alle Teile da sind. Beide Zahlen sind brauchbar. Ein Bericht, der im August Positionen zählt und im September Aufträge, zeigt aber eine Veränderung, die es nicht gibt.

5. Den Wunschtermin weglassen

Ein Betrieb, der nur gegen seine eigenen Bestätigungen misst, sieht 83,3 % und ist zufrieden. Ein Kunde, der seine Lieferanten am Datum aus seiner Bestellung misst, sieht denselben Monat bei 38,9 %. Bei den Positionen 1 und 2 hat der Betrieb zwei Tage später bestätigt, als der Kunde wollte, und dann genau am bestätigten Tag geliefert. In der eigenen Zahl erscheinen beide als Erfolg.

Rechnen Sie die Liefertreue zum Wunschtermin mit. Steigt der Abstand zur bestätigten Zahl, werden Ihre Zusagen länger, auch wenn Sie sie weiter einhalten.

Der nächste Schritt

Exportieren Sie die Positionen des letzten Monats mit Wunschtermin, erstem bestätigtem Termin, Liefertag und beiden Mengen. Schreiben Sie vor dem Rechnen drei Regeln auf: ob eine frühe Lieferung zählt, ob Sie Positionen oder Aufträge zählen und gegen welchen Termin Sie messen. Dann rechnen Sie Termintreue, Mengentreue, OTIF und die Liefertreue zum Wunschtermin wie oben.

Danach sehen Sie sich die verspäteten Positionen einzeln an. Prüfen Sie, ob mehrere an derselben Maschine oder demselben Arbeitsplatz hängen. Ob dort die Kapazität fehlt oder Zeit an Rüsten und Störungen verloren geht, zeigt der Beitrag OEE berechnen. Ob die Zelle überhaupt im Takt der Kundenabrufe arbeiten kann, rechnet Taktzeit berechnen an einer Schicht vor.

Schwerer zu sehen ist, wo im Auftragsdurchlauf eine Zusage entsteht und wer sie ändert. Diesen Weg zeichnet unsere Prozessanalyse nach, für einen Prozess wie die Auftragsabwicklung, mit echten Zeitstempeln statt Erfahrungswerten. Fester Umfang, feste Dauer, fester Preis.

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