Taktzeit berechnen: Was der Kunde vorgibt und was die Zelle schafft
T. Krause
Was die Taktzeit angibt
Die Taktzeit ist der Abstand, in dem der Kunde im Schnitt ein Teil abnimmt. Sie wird gerechnet und nicht gestoppt. In die Formel geht ein, was der Kunde braucht. Was die eigene Fertigung kann, kommt darin nicht vor.
Taktzeit = verfügbare Produktionszeit ÷ Kundenbedarf im selben Zeitraum
So steht es auch im Lexikon des Lean Enterprise Institute, Stand Oktober 2026: verfügbare Produktionszeit geteilt durch den Kundenbedarf. Im Deutschen heißt dieselbe Größe auch Kundentakt. Das Wort ist das genauere, denn in der Halle ist mit „Taktzeit“ manchmal etwas anderes gemeint. Dazu mehr bei Fehler 3.
Was zur verfügbaren Zeit gehört
Zur verfügbaren Zeit zählt, wann die Linie oder Zelle laut Plan produzieren soll. Abgezogen wird jede fest eingeplante Zeit, in der niemand ein Teil fertigt. Dazu gehören Pausen, in denen die Zelle steht, die Schichtbesprechung, das Reinigen am Schichtende und eine geplante Wartung. Lösen sich die Mitarbeiter in der Pause ab und die Zelle läuft weiter, bleibt die Pause in der Rechnung.
Bei Störungen, Rüsten und Ausschuss gehen die Betriebe auseinander. Die einen ziehen einen Erfahrungswert für Störungen gleich von der verfügbaren Zeit ab und erhöhen den Bedarf um den Ausschuss. Die anderen lassen die Taktzeit als reine Kundengröße stehen und führen die Verluste in einer zweiten Zahl, der geplanten Zykluszeit. Beides lässt sich vertreten, solange dabeisteht, welche Regel gilt.
Dieser Beitrag rechnet nach der zweiten Regel. Die Taktzeit enthält hier weder Störungen noch Ausschuss. Was beide ausmachen, steht bei Fehler 5.
Das Beispiel: eine Frühschicht in einer Montagezelle
Betrieb, Kunde und Zahlen sind für dieses Beispiel erfunden. Sie sind so gewählt, dass Sie jeden Schritt mit dem Taschenrechner nachrechnen können.
Eine Montagezelle baut ein Hydraulikventil in einer einzigen Variante, gerüstet wird in der Schicht nicht. Drei Arbeitsplätze stehen hintereinander, jeder mit einer Person besetzt: Vormontage, Endmontage und Dichtheitsprüfung. Der Kunde ruft 1.100 Ventile pro Woche ab. Gearbeitet wird an fünf Tagen in einer Schicht.
| Größe | Wert |
|---|---|
| Schichtdauer | 480 min |
| Pausen, die Zelle steht | 30 min |
| Schichtbesprechung | 5 min |
| Reinigen am Schichtende | 5 min |
| Abruf des Kunden pro Woche | 1.100 Stück |
| Schichten pro Woche | 5 |
Wo eine Rechnung nicht aufgeht, steht das Ergebnis gerundet da.
Schritt 1: Verfügbare Zeit
Verfügbare Zeit = Schichtdauer − Pausen − Schichtbesprechung − Reinigen
480 min − 30 min − 5 min − 5 min = 440 min
440 min × 60 = 26.400 s
Schritt 2: Bedarf im selben Zeitraum
Die 440 Minuten gelten für eine Schicht. Dann muss auch der Bedarf pro Schicht dastehen.
1.100 Stück ÷ 5 Schichten = 220 Stück pro Schicht
Schritt 3: Taktzeit
Taktzeit = verfügbare Zeit ÷ Bedarf
26.400 s ÷ 220 Stück = 120 s pro Stück = 2 min pro Stück
Alle zwei Minuten muss ein geprüftes Ventil die Zelle verlassen. Das sind 30 in der Stunde.
Die Gegenprobe
220 Stück × 120 s = 26.400 s = 440 min
Die Rechnung muss wieder bei der verfügbaren Zeit ankommen. Über die Woche gerechnet kommt dasselbe heraus, denn 5 Schichten × 26.400 s sind 132.000 s, und 132.000 s ÷ 1.100 Stück sind wieder 120 s.
Taktzeit und Zykluszeit
Die Taktzeit kommt vom Kunden, die Zykluszeit aus der Halle. Die Zykluszeit ist der Abstand, in dem ein Arbeitsplatz ein fertiges Teil weitergibt. Sie wird mit der Stoppuhr gemessen.
In der Zelle des Beispiels ist die Zykluszeit an allen drei Plätzen Handarbeit.
| Arbeitsplatz | Zykluszeit | Abstand zum Takt | Mögliche Stück pro Schicht |
|---|---|---|---|
| Vormontage | 88 s | 32 s darunter | 300 |
| Endmontage | 100 s | 20 s darunter | 264 |
| Dichtheitsprüfung | 132 s | 12 s darüber | 200 |
Die möglichen Stück sind 26.400 s geteilt durch die Zykluszeit.
Zykluszeit über dem Takt
Die Prüfung braucht 132 s und liegt 12 s über dem Takt. Sie schafft 200 Ventile pro Schicht, der Kunde braucht 220. Es fehlen 20 pro Schicht und 100 in der Woche. Jedes Ventil muss durch die Prüfung, deshalb verlässt auch nur alle 132 s eines die Zelle.
Liefern lässt sich dann nur mit Mehrarbeit.
220 Stück × 132 s = 29.040 s = 484 min
Das sind 44 Minuten mehr als die 440 verfügbaren, in jeder Schicht. In der Woche kommen 220 Minuten zusammen.
Zykluszeit unter dem Takt
Die Vormontage braucht 88 s. Arbeitet sie durch, baut sie 300 Baugruppen pro Schicht, 80 mehr, als der Kunde abnimmt. Die stapeln sich vor der Endmontage. Arbeitet sie im Takt, wartet sie bei jedem Ventil 32 s. Über die Schicht sind das 220 × 32 s = 7.040 s, gerundet 117,3 Minuten.
Verloren ist die Zeit in beiden Fällen. Den Stapel sieht man, das Warten nicht.
Reichen drei Personen?
Die drei Zykluszeiten zusammen sind der Arbeitsinhalt eines Ventils.
88 s + 100 s + 132 s = 320 s
320 s ÷ 120 s = 2,67
Rechnerisch braucht die Zelle 2,67 Personen. Drei reichen also, die Arbeit ist nur ungleich verteilt. Gleichmäßig verteilt wären es 320 s ÷ 3 = 106,7 s pro Platz.
Angenommen, ein Arbeitsschritt von 22 s lässt sich von der Prüfung in die Vormontage verlegen, zum Beispiel das Anbringen des Typenschilds.
| Arbeitsplatz | vorher | nachher |
|---|---|---|
| Vormontage | 88 s | 110 s |
| Endmontage | 100 s | 100 s |
| Dichtheitsprüfung | 132 s | 110 s |
| Summe | 320 s | 320 s |
Der langsamste Platz braucht jetzt 110 s und liegt 10 s unter dem Takt. Möglich sind 26.400 s ÷ 110 s = 240 Ventile pro Schicht, 20 mehr als nötig. Dabei arbeitet niemand schneller als vorher.
Taktzeit und Durchlaufzeit
Die Taktzeit ist ein Abstand zwischen zwei Teilen. Die Durchlaufzeit ist die Zeit, die ein einzelnes Teil vom ersten Handgriff bis zur bestandenen Prüfung in der Zelle verbringt. Alle zwei Minuten ein Ventil heißt nicht, dass ein Ventil zwei Minuten braucht.
Am Arbeitsinhalt liegt die Durchlaufzeit kaum, denn 320 s sind gerundet 5,3 Minuten. Sie hängt daran, wie viele Ventile in der Zelle unterwegs sind. Angenommen, bei einer Zählung stehen 45 Ventile in der Zelle, an den Plätzen und in den Puffern dazwischen. Ein Ventil, das neu dazukommt, ist ungefähr dann fertig, wenn 45 Ventile die Zelle verlassen haben.
Durchlaufzeit ≈ Bestand in der Zelle × Abstand, in dem Teile die Zelle verlassen
Heute verlässt alle 132 s ein Ventil die Zelle.
45 Stück × 132 s = 5.940 s = 99 min
Gearbeitet wird davon 320 s lang. Das sind 320 s ÷ 5.940 s, gerundet 5,4 %.
Nach dem Umverteilen fertigt die Zelle im Kundentakt. Bei gleichem Bestand sind es 45 Stück × 120 s = 5.400 s = 90 min. Begrenzen Sie den Bestand zusätzlich auf 15 Ventile, bleiben 15 Stück × 120 s = 1.800 s = 30 min. Die Taktzeit beträgt in beiden Fällen 120 s. Über die Durchlaufzeit sagt sie nichts, solange Sie den Bestand nicht kennen.
Die Rechnung ist eine Näherung. Sie gilt, solange der Bestand etwa gleich bleibt. Die Wertstromanalyse eines Lagerflanschs nutzt dieselbe Näherung in Tagen, dort wird jeder Bestand durch den Tagesbedarf geteilt. Bei einem ganzen Auftrag vom Eingang bis zum Versand kommen Rüsten, Liegen und Transport dazu. Der Beitrag Durchlaufzeit berechnen rechnet das an sechs Stationen durch.
Die drei Größen nebeneinander:
| Größe | Frage | Herkunft | Im Beispiel |
|---|---|---|---|
| Taktzeit | In welchem Abstand braucht der Kunde ein Teil? | gerechnet aus Zeit und Bedarf | 120 s |
| Zykluszeit | In welchem Abstand gibt ein Arbeitsplatz ein Teil weiter? | gestoppt | 88 s, 100 s, 132 s |
| Durchlaufzeit | Wie lange ist ein Teil unterwegs? | gemessen oder aus dem Bestand überschlagen | 99 min |
Fünf Zählfehler bei der Taktzeit
Bei jedem Fehler stehen die falsche und die richtige Zahl aus dem Beispiel.
1. Mit der Schichtdauer rechnen
Wer die vollen 480 Minuten einsetzt, rechnet 28.800 s ÷ 220 Stück = 130,9 s. Richtig sind 120 s.
Mit 130,9 s sieht die Prüfung fast gut aus, sie läge nur 1,1 s über dem Takt. Tatsächlich sind es 12 s. Die Pause findet trotzdem statt. Eine Zelle, die auf 130,9 s ausgelegt ist, schafft in den 26.400 verfügbaren Sekunden 201 ganze Ventile. Es fehlen 19.
2. Bedarf und Zeit aus verschiedenen Zeiträumen nehmen
Die 120 s gelten für eine Woche mit fünf Schichten. Fällt ein Feiertag in die Woche und der Abruf bleibt bei 1.100 Stück, stehen nur 4 Schichten × 440 min = 1.760 min zur Verfügung. Das sind 105.600 s.
105.600 s ÷ 1.100 Stück = 96 s
Wer in dieser Woche mit 120 s weiterplant, rechnet mit 220 Ventilen pro Schicht. Gebraucht werden 275. Auch die umverteilte Zelle schafft mit 110 s nur 240. Es fehlen 35 pro Schicht und 140 in der Woche. Bei 96 s wären 320 s ÷ 96 s = 3,33 Personen nötig, drei reichen dann nicht mehr.
Die Taktzeit ist keine feste Eigenschaft der Zelle. Rechnen Sie sie neu, sobald sich Abruf oder Arbeitszeit ändern, und nehmen Sie Zeit und Bedarf immer aus demselben Zeitraum.
3. Die Zykluszeit Taktzeit nennen
„Die Prüfung hat eine Taktzeit von 132 Sekunden.“ Der Satz beschreibt eine Zykluszeit. Dieselbe Zahl kommt heraus, wenn jemand in die Formel einsetzt, was die Zelle zuletzt geliefert hat.
26.400 s ÷ 200 Stück = 132 s
Richtig sind 120 s, gerechnet mit den 220 Stück, die der Kunde braucht.
Wer die eigene Stückzahl einsetzt, bekommt immer heraus, dass die Zelle im Takt liegt. Die 20 fehlenden Ventile pro Schicht tauchen in dieser Rechnung nicht auf. Sagen Sie Kundentakt, wenn Sie die 120 s meinen, und Zykluszeit, wenn Sie die 132 s meinen.
4. Zykluszeiten mitteln
Der Mittelwert der drei Zykluszeiten ist 320 s ÷ 3 = 106,7 s. Das liegt unter 120 s, die Zelle scheint den Takt zu halten. Sie hält ihn nicht. Über die Stückzahl entscheidet der langsamste Platz, und der braucht 132 s. Mit ihm sind es 200 Ventile statt 220.
Vergleichen Sie jeden Arbeitsplatz einzeln mit dem Takt. Der Mittelwert taugt für eine andere Frage. Liegt er unter dem Takt, reicht die Besetzung, und Umverteilen lohnt sich. So sind oben aus 132 s an der Prüfung 110 s geworden.
5. Bis an den Takt planen
Die 120 s gelten für eine Schicht ohne Störung und ohne Ausschuss. Angenommen, das Schichtbuch zeigt im Schnitt 20 Minuten Störungen pro Schicht, und 5 Ventile fallen bei der Dichtheitsprüfung durch und werden verschrottet. Dann bleiben 440 min − 20 min = 420 min, also 25.200 s. Für 220 gute Ventile muss die Zelle 225 bauen.
Geplante Zykluszeit = 25.200 s ÷ 225 Stück = 112 s
Eine Prüfung, die genau im Takt von 120 s arbeitet, schafft in 25.200 s 210 Ventile. Davon sind 205 gut, 15 zu wenig. Die Zelle braucht 8 s Abstand zum Takt. Mit 110 s hat die umverteilte Zelle diesen Abstand. Sie prüft 229 ganze Ventile, 224 davon sind gut, 4 mehr als bestellt.
An dieser Stelle rechnen Betriebe verschieden. Wer nach der ersten Regel rechnet, zieht die 20 Minuten von der verfügbaren Zeit ab, plant 225 statt 220 Ventile ein und nennt das Ergebnis Taktzeit. Im Beispiel kommt 25.200 s ÷ 225 Stück = 112 s heraus. Das ist die geplante Zykluszeit unter anderem Namen. Dieser Beitrag hält die Zahlen getrennt. Die 120 s gibt der Kunde vor, die 112 s muss die Zelle können. So bleibt der Abstand von 8 s sichtbar, und er schrumpft, wenn Störungen und Ausschuss zurückgehen.
Woraus die 20 Minuten bestehen, zeigt eine OEE-Rechnung. Der Beitrag OEE berechnen zerlegt eine Schicht in Verfügbarkeit, Leistung und Qualität.
Wo die Taktzeit wenig hilft
Die Rechnung setzt voraus, dass der Bedarf über den Zeitraum einigermaßen gleichmäßig anfällt und die Teile ähnlich viel Arbeit enthalten. Baut eine Zelle Varianten mit sehr unterschiedlichem Arbeitsinhalt, ist die Taktzeit ein Durchschnitt, den kein einzelnes Teil trifft. Dann brauchen Sie den Arbeitsinhalt je Variante und eine Reihenfolge, die lange und kurze Teile mischt.
In der Einzelfertigung trägt die Kennzahl kaum. Wer jede Woche andere Teile nach Kundenzeichnung baut, plant besser mit der Durchlaufzeit.
Und die Taktzeit ist kein Ziel, das man unterbietet. Schneller als der Kunde abnimmt, heißt Bestand. Verbessern lässt sich die Zykluszeit, die Taktzeit lässt sich nur treffen.
Der nächste Schritt
Nehmen Sie eine Linie oder Zelle und die laufende Woche. Schreiben Sie Schichtdauer, alles fest Eingeplante und den Abruf des Kunden auf und rechnen Sie den Kundentakt. Stoppen Sie dann an jedem Arbeitsplatz einige Zyklen und schreiben Sie die Zykluszeit neben den Takt. Dafür reichen Papier und Stoppuhr.
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