Der Wareneingang ist Ihr teuerster Engpass, auch wenn er als Nebenschauplatz gilt
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Der Wareneingang ist Ihr teuerster Engpass, auch wenn er als Nebenschauplatz gilt

T. Krause

T. Krause

Das Symptom

Fragen Sie in einem Fertigungsbetrieb nach dem Engpass, und Sie hören von Maschinen, von der Montage, von der Arbeitsvorbereitung. Den Wareneingang nennt niemand. Er steht in keiner Präsentation, hat selten eine eigene Kennzahl und wird in der Regel von zwei Leuten betrieben, die parallel noch den Versand machen.

Gleichzeitig höre ich in denselben Betrieben Sätze wie: „Das Material war doch schon letzte Woche da.“ Es war da. Im Hof, auf einer Palette, körperlich anwesend und im System nicht existent. Zwischen „angeliefert“ und „verfügbar“ liegt eine Zeitspanne, die niemand misst, weil sie zwischen zwei Zuständigkeiten fällt.

Der Mechanismus

Der Wareneingang ist kein Lagerplatz, sondern ein Übersetzungsschritt: Aus physischer Ware wird eine buchhalterisch und dispositiv nutzbare Größe. Vier Dinge müssen dafür passieren: Ware annehmen, gegen Bestellung prüfen, qualitativ freigeben, einbuchen. Erst der letzte Schritt macht das Material für die Disposition sichtbar.

In der Praxis laufen diese vier Schritte fast nie hintereinander ab. Die Annahme passiert sofort, weil der Fahrer wartet. Die Prüfung passiert, wenn jemand Zeit hat. Die Qualitätsfreigabe passiert, wenn die Prüfmittel frei sind und der Kollege aus der QS nicht gerade in der Fertigung steht. Die Buchung passiert am Ende des Tages, manchmal am Ende der Woche, gesammelt.

Daraus folgt der eigentliche Schaden: Die Disposition sieht einen Bestand von null und bestellt nach oder verschiebt einen Fertigungsauftrag, während das Material zwanzig Meter entfernt auf einer Palette steht. Das ist kein Schlampereiproblem. Es ist ein Sichtbarkeitsproblem, und es multipliziert sich, weil jede Folgeentscheidung auf einem falschen Bestand aufsetzt.

Dazu kommt ein Effekt, den ich fast überall antreffe: Der Wareneingang arbeitet in Wellen. Vormittags kommen sechs Lieferungen gleichzeitig, nachmittags keine. Zwei Leute können sechs Lieferungen nicht parallel abarbeiten, also entsteht eine Warteschlange. Die Reihenfolge dieser Warteschlange bestimmt niemand nach Dringlichkeit, sondern nach dem, was oben liegt. Das dringend erwartete Bauteil wird zufällig als viertes bearbeitet.

Die Kosten

Ein Rechenbeispiel mit erfundenen Zahlen. Angenommen, ein Hersteller von Antriebskomponenten mit rund 140 Mitarbeitenden hat ein bekanntes Problem: zu viele kurzfristige Umplanungen in der Fertigung. Als Ursache vermutet er unzuverlässige Lieferanten.

Die Messung zeigt etwas anderes. Die Lieferanten sind überwiegend pünktlich. Zwischen Anlieferung am Tor und Verfügbarkeitsbuchung im System liegen im Beispiel jedoch im Mittel 2,7 Werktage, in Spitzenwochen bis zu fünf. Die Fertigung disponiert also systematisch gegen einen Bestand, der real bereits da ist.

Die Folgekosten lassen sich beziffern: 43 kurzfristige Umplanungen in einem Quartal, davon knapp die Hälfte allein durch die verspätete Sichtbarkeit ausgelöst. Dazu kommen Eilbestellungen für Material, das im Haus liegt. Das Beispiel setzt dafür im Quartal rund 18.000 Euro Mehrkosten an, ohne die Rüstzeiten für die umgeplanten Aufträge zu rechnen. Ein Betrieb in dieser Lage baut leicht einen zweiten Lieferanten auf, um ein Problem zu lösen, das seine Lieferanten gar nicht verursachen.

Der Fix

Eine nennenswerte Investition braucht es dafür nicht. Drei Dinge ändern sich.

Erstens wird die Buchung von der Prüfung entkoppelt. Ware wird bei Annahme sofort als „im Haus, gesperrt“ gebucht und ist damit für die Disposition sichtbar, wenn auch noch nicht freigegeben. Allein das nimmt der Planung die größte Unsicherheit. Welche Prüfungen nach dieser ersten Buchung anstehen und wer sie übernimmt, haben wir in einer Prüfliste vom Lieferschein bis zum Sperrbestand zusammengestellt.

Zweitens bekommt die Warteschlange eine Reihenfolge. Lieferungen, auf die ein terminierter Fertigungsauftrag wartet, werden zuerst geprüft. Erkennbar sind sie an einer Markierung, die die Disposition bereits bei der Bestellung setzt. Kein System, eine Regel.

Drittens wird die Annahme zeitlich entzerrt. Der Betrieb vereinbart mit den fünf größten Lieferanten feste Zeitfenster. Die Wellen verschwinden weitgehend, und damit auch die Warteschlange.

Das Rechenbeispiel nimmt an, dass die Zeitspanne zwischen Tor und Sichtbarkeit damit von 2,7 Tagen auf unter vier Stunden fällt und sich die kurzfristigen Umplanungen im Folgequartal halbieren. Den zweiten Lieferanten braucht der Betrieb dann nicht.

Das Muster dahinter ist übertragbar: Ein Prozessschritt, den niemand als Prozess betrachtet, wird auch von niemandem gemessen, und ungemessene Schritte werden systematisch länger. Genau dort setzt eine Prozessanalyse an: einen Kernprozess end-to-end mit echten Zeitstempeln vermessen, statt den lautesten Vermutungen zu folgen. Fester Umfang, feste Dauer, fester Preis.

Der nächste Schritt

Eine Frage, die Sie diese Woche ohne Projekt beantworten können: Wie lange dauert es bei Ihnen im Mittel vom Abladen bis zur Verfügbarkeitsbuchung? Wenn niemand die Zahl kennt, ist das bereits die Antwort.

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