Reklamationen sind Ihre beste Prozessdiagnose — und die einzige, die Sie schon bezahlt haben
ProzessanalyseQualität

Reklamationen sind Ihre beste Prozessdiagnose — und die einzige, die Sie schon bezahlt haben

T. Krause

T. Krause

Das Symptom

In fast jedem Betrieb gibt es einen Reklamationsordner, eine Reklamationsliste oder ein Feld im ERP. Gepflegt wird es, weil die Norm oder der Kunde es verlangt. Ausgewertet wird es selten, und wenn, dann als Quote: „Wir liegen bei 1,4 Prozent, letztes Jahr waren es 1,6."

Diese Zahl beantwortet die Frage, ob es besser oder schlechter wird. Sie beantwortet nicht die einzige Frage, die etwas ändern würde: wo genau im Prozess entsteht der Fehler, den der Kunde am Ende sieht?

Die Antwort steckt meist bereits in den vorhandenen Vorgängen. Sie ist nur nie so sortiert worden, dass man sie sehen kann.

Der Mechanismus

Eine Reklamation ist ein Fehler, der alle internen Prüfungen überlebt hat. Das macht sie diagnostisch so wertvoll: Sie markiert nicht irgendeinen Fehler, sondern genau die Sorte, gegen die Ihr Prozess blind ist.

Der übliche Umgang zerstört diesen Wert auf zwei Arten.

Erstens wird nach Symptom kategorisiert, nicht nach Ursache. Die typischen Kategorien lauten „Falschlieferung", „Beschädigung", „Menge", „Qualität". Das beschreibt, was der Kunde bemerkt hat. Es sagt nichts darüber, an welcher Stelle es entstanden ist. Eine Falschlieferung kann in der Auftragserfassung, in der Kommissionierung, in der Stammdatenpflege oder im Versand entstehen — vier völlig verschiedene Prozesse, eine Kategorie.

Zweitens wird der Einzelfall gelöst, nicht das Muster. Reklamationsbearbeitung ist auf Kundenzufriedenheit ausgerichtet, und das ist richtig. Der Vorgang wird geklärt, ersetzt, gutgeschrieben — und damit abgeschlossen. Was fehlt, ist der zweite Blick über alle Vorgänge hinweg, in dem sich zeigt, dass elf der letzten dreißig Fälle denselben Entstehungsort haben.

Dazu kommt eine unangenehme Dunkelziffer: Die schwerwiegendsten Prozessfehler erzeugen häufig gar keine Reklamation. Der Kunde bestellt einfach nicht mehr. Deshalb ist die Reklamationsquote als Zufriedenheitsmaß schwach — als Prozesslandkarte ist sie trotzdem stark, weil sie zeigt, wo Ihr System durchlässig ist.

Die Kosten

Ein anonymisiertes Beispiel, in Details verändert, im Muster echt. Ein Hersteller von Kunststoffkomponenten hatte über zwei Jahre eine stabile Reklamationsquote von rund 1,8 Prozent und war damit im Branchenvergleich unauffällig. Ein Verbesserungsprojekt war mehrfach diskutiert und mangels klarem Ansatzpunkt verschoben worden.

Ausgewertet wurden dann 214 dokumentierte Reklamationen aus 24 Monaten — nicht nach Symptom, sondern nach rekonstruiertem Entstehungsort. Das kostete etwa acht Arbeitstage und keine neue Datenerhebung.

Das Ergebnis war deutlicher als erwartet. Rund 40 Prozent aller Fälle ließen sich auf zwei Ursachen zurückführen. Die erste: Werkzeugwechsel bei einer bestimmten Maschinengruppe ohne dokumentierte Erstmusterfreigabe, was in einer Serie zu Maßabweichungen führte, die erst beim Kunden auffielen. Die zweite: Artikel mit mehreren Revisionsständen, bei denen die Kommissionierung anhand der Artikelnummer allein den Stand nicht unterscheiden konnte.

Beide Ursachen waren im Betrieb bekannt — als Ärgernis, nicht als Hauptposten. Niemand hatte sie zusammengezählt.

Die direkten Kosten dieser 40 Prozent lagen bei rund 96.000 Euro über zwei Jahre: Ersatzlieferungen, Frachtkosten, Gutschriften, interne Bearbeitung. Nicht enthalten: der Kunde, der nach zwei Fällen den Rahmenvertrag nicht verlängerte.

Der Fix

Beide Ursachen ließen sich ohne Investition adressieren.

Für die Werkzeugwechsel wurde eine verbindliche Erstmusterfreigabe eingeführt — allerdings mit einer Bedingung, die den Unterschied machte: Das Messmittel steht an der Maschine, nicht im Messraum. Eine Regel, die einen Weg von 80 Metern verlangt, wird unter Zeitdruck umgangen; eine, die zwei Meter verlangt, nicht.

Für die Revisionsstände bekam die Kommissionierung eine sichtbare Unterscheidung: eigene Lagerplätze je Revision und ein farbiges Etikett. Keine Systemänderung, eine Sortierung.

Nach zwölf Monaten war die Reklamationsquote auf 1,1 Prozent gefallen. Interessanter war die Verteilung: Die beiden Hauptursachen tauchten praktisch nicht mehr auf, während die Zahl der Einzelfälle unverändert blieb. Genau so sieht es aus, wenn man ein Muster löst statt Symptome.

Diese Auswertung braucht keine neue Datenerhebung, sondern eine andere Sortierung vorhandener Daten — und genau dort setzt eine Prozessanalyse an. Fester Umfang, feste Dauer, fester Preis.

Der nächste Schritt

Nehmen Sie Ihre letzten dreißig Reklamationen und schreiben Sie neben jede nicht das Symptom, sondern den Prozessschritt, in dem der Fehler entstanden ist. Wenn sich mehr als ein Drittel auf zwei Schritte konzentriert, haben Sie Ihr nächstes Projekt gefunden — und es kostet weniger, als Sie denken.

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