Warum die Auftragsbestätigung im Großhandel vier Tage dauert
ProzessanalyseGroßhandel

Warum die Auftragsbestätigung im Großhandel vier Tage dauert

T. Krause

T. Krause

Das Symptom

Ein Stammkunde schickt Montagvormittag seine Bestellung per E-Mail: 14 Positionen, ein PDF aus seinem eigenen System, dazu zwei Zeilen im Fließtext, weil eine Artikelnummer sich geändert hat. Er erwartet eine Auftragsbestätigung. Bekommen tut er sie am Donnerstagnachmittag.

Dazwischen ist niemand untätig gewesen. Die Bestellung lag im Sammelpostfach bestellung@, wurde irgendwann gelesen, an den zuständigen Innendienst weitergeleitet, dort in eine To-do-Liste übernommen, am nächsten Tag ins ERP getippt, für zwei Positionen beim Lager rückgefragt, und schließlich bestätigt. Vier Tage für einen Vorgang, der keine zehn Minuten echte Arbeit enthält.

Wenn Sie im technischen Großhandel, im Baustoffhandel oder in der C-Teile-Distribution sitzen, kennen Sie das. Und Sie wissen auch: An einzelnen Aufträgen liegt es nie. Es ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Der Mechanismus

Der Auftrag durchläuft auf dem Weg von der Kunden-E-Mail bis zur Bestätigung mindestens drei Medienbrüche — Stellen, an denen Information das System wechselt und ein Mensch sie neu erfassen muss.

Der erste liegt am Posteingang. Die Bestellung kommt als E-Mail, oft mit PDF-Anhang, manchmal als Foto eines ausgefüllten Formulars. Das Sammelpostfach ist keine Warteschlange mit Zuständigkeit, sondern ein Haufen. Wer zuerst hinschaut, entscheidet ad hoc, ob er es macht oder weiterleitet. Ein Auftrag, der keinem eindeutig gehört, wartet.

Der zweite Bruch ist die manuelle Erfassung ins ERP. Die Artikelnummern des Kunden sind nicht Ihre Artikelnummern. Jemand mappt das im Kopf oder in einer Nebenliste. Bei Positionen, die nicht sofort eindeutig sind, entsteht eine Rückfrage — und Rückfragen laufen wieder per E-Mail, also zurück in den Haufen.

Der dritte Bruch ist die Verfügbarkeitsprüfung. Ist der Bestand im ERP nicht verlässlich gepflegt, ruft der Innendienst im Lager an oder läuft hin. Diese Rückfrage ist synchron: Sie funktioniert nur, wenn beide Seiten gerade Zeit haben. Tun sie das nicht, liegt der Auftrag bis morgen.

Jeder einzelne Bruch kostet für sich genommen nur Minuten. Aber sie sind nicht in Reihe geschaltet, sondern durch Liegezeiten getrennt. Nicht die Bearbeitung dauert vier Tage, sondern das Warten zwischen den Schritten. Das ist der entscheidende Punkt: Sie optimieren die falsche Größe, wenn Sie Ihre Leute schneller tippen lassen wollen.

Die Kosten

Rechnen wir es ruhig durch. Ein mittelständischer Großhändler bearbeitet 120 eingehende Aufträge am Tag. Nehmen wir an, jeder Auftrag erzeugt im Schnitt eine Rückfrage — mal zur Artikelnummer, mal zur Verfügbarkeit — die je fünf Minuten Bearbeitung auf zwei Seiten bindet, also zehn Minuten Gesamtaufwand.

120 Aufträge × 10 Minuten = 1.200 Minuten = 20 Stunden reine Rückfrage-Arbeit pro Tag. Bei einem vollkostenbelasteten Stundensatz von 45 Euro sind das 900 Euro täglich, rund 198.000 Euro im Jahr — allein für Rückfragen, die bei sauberer Datenübergabe gar nicht erst entstünden.

Das ist nur der interne Aufwand. Die vier Tage Durchlaufzeit kosten zusätzlich, nur weniger sichtbar: Ein Wettbewerber, der am selben Tag bestätigt, gewinnt bei knappen Beständen das Geschäft. Kunden, die dreimal nachfassen müssen, wandern ab — leise, ohne Beschwerde. Diesen Teil kann niemand exakt beziffern, aber er ist real und meist größer als die 198.000 Euro.

Der Fix

Der Hebel liegt nicht bei der Geschwindigkeit der Menschen, sondern bei den drei Medienbrüchen. In dieser Reihenfolge:

Erstens: Das Sammelpostfach in eine echte Warteschlange verwandeln. Jeder eingehende Auftrag bekommt sofort einen Eigentümer und einen Status. Ob per Ticketsystem, per Regel im Mailclient oder direkt im ERP — entscheidend ist, dass kein Auftrag mehr herrenlos wartet. Das allein halbiert oft die Liegezeit.

Zweitens: Die Artikelnummern-Übersetzung automatisieren. Ein gepflegtes Cross-Reference-Mapping zwischen Kundenartikelnummer und Ihrer Nummer nimmt die häufigste Rückfrage komplett heraus. Bei Kunden, die regelmäßig bestellen, lohnt sich zusätzlich ein strukturiertes Bestellformat oder eine schlanke EDI-Anbindung, die den Erfassungsschritt ganz entfallen lässt.

Drittens: Den Bestand verlässlich machen, damit die synchrone Lager-Rückfrage verschwindet. Wenn der Innendienst der Zahl im ERP vertrauen kann, entfällt der Anruf. Das ist weniger ein Software- als ein Disziplin-Thema: Wareneingänge und Umlagerungen zeitnah buchen.

Wichtig ist die Reihenfolge. Wer zuerst die Erfassung automatisiert, aber das Postfach-Chaos lässt, verlagert das Problem nur. Genau dieses Sortieren — welcher Bruch wie viel kostet und was zuerst drankommt — ist der Kern einer Prozessanalyse: erst messen, wo die Liegezeit wirklich entsteht, dann gezielt einen Bruch nach dem anderen schließen.

Der nächste Schritt

Wenn Ihre Auftragsbestätigung regelmäßig Tage statt Minuten braucht, liegt die Ursache fast nie dort, wo man sie vermutet — und ein Vormittag, an dem man den echten Weg eines Auftrags einmal end-to-end nachverfolgt, sagt mehr als jede Bauchvermutung.

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